Das Smart Home
- daszimmer10

- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Tagen
Peter Müller kauft ein neues Haus mit "smartem" Schliesssystem

Nachdem Peter Müller sein altes Haus verkauft hatte, kaufte er sich ein neues. Ein Smarthome. Als er voller Vorfreude den Kaufvertrag unterzeichnete, konnte er nicht ahnen, was noch auf ihn zukommen würde...
Peter Müller sass im Büro an seinem Schreibtisch mit einem Lächeln im Gesicht. Ben-Daniel, sein Arbeitskollege, fragte, ob er das Haus gekauft habe. «Ja!», rief Peter Müller voller Freude. «Es ist ein Smarthome! Das Neuste vom Neuen auf dem Markt!». Da lehnte sich Ben-Daniel ganz interessiert nach vorne und fragte: «Was kann es denn alles?» Peter Müller schwärmte: «Man braucht keinen Hausschlüssel mehr! Es ist toll! Man braucht auch keinen Badge. Der Zugang läuft ganz bequem über das Smartphone mit einer App! Der Geschirrspüler hat Wi-Fi und die Farbe der Innenbeleuchtung lässt sich über eine App steuern! Der Kühlschrank! Ben! Der Kühlschrank!!! Der hat ein eingebautes Display, wie ein riesiges iPad! Es zeigt das Wetter an, ich kann Musik hören, Filme schauen und man kann ihn mit Alexa verbinden! In der App kann man einstellen, dass der Kühlschrank selbst etwas nachbestellt, wenn etwas leer ist. Milch zum Beispiel. Ausserdem kann man das Display durchsichtig machen, damit man sieht, was alles im Kühlschrank drin ist – ohne ihn zu öffnen!!! Ah, und das Allerbeste habe ich noch gar nicht erzählt: Der Kühlschrank hat keinen Griff. Er sieht also sehr edel aus. Er lässt sich mit der Stimme öffnen. Ich muss nur sagen ‘Sesam öffne dich’ und er öffnet sich! Der Herd hat ein eingebautes Display, das einem Rezepte anzeigt und wie man sie zubereitet. Die Kaffeemaschine lässt sich auch programmieren: Wenn ich morgens aufwache, muss ich nicht erst die Kaffeemaschine einschalten – die macht das ganz automatisch! Die Waschmaschine berechnet, wie viele Ladungen ich gewaschen habe und bestellt selbstständig Waschmittel nach.» «Mannoman! Das klingt ja richtig futuristisch!», findet Ben-Daniel begeistert. «Kann ich mal vorbeikommen? Du weisst ja, wie ich auf die neuste Technik abfahre!» «Ja klar! Sobald ich eingerichtet bin.»
Als Peter Müller nach der Arbeit nach Hause kam, bezahlte er die Umzugsleute und freute sich darauf, sein Smarthome zu programmieren, sodass es ihm sein Leben erleichtern würde.
Eine Woche später...
Peter Müller war eingezogen und eingerichtet. Seine Geräte waren programmiert und er freute sich darüber, dass er in der Zukunft angekommen war. Als er nach dem Aufstehen in die Küche kam, wartete bereits der herrlich duftende Kaffee auf ihn. Ganz ohne Knopfdruck! Herrlich!
Als er bei seinem Geschirrspüler von BOSCH (das Neuste auf dem Markt!) die Vorspülfunktion aktivieren wollte, stellte er fest, dass das nicht ging. Google-KI erklärte ihm, dass Vorspülen eine Zusatzfunktion sei, die nur über die App aktiviert werden kann. Peter Müller suchte in der App nach dem Vorspülprogramm und fand es gleich. Allerdings konnte er das Programm nicht auswählen. Es war inaktiv. Also fragte er Google-KI, woran das liegen konnte. Peter Müller musste erfahren, dass «gewisse» Zusatzfunktionen nur im Abo enthalten waren. Google-KI listete ihm auf, welche Funktionen in welchem Abo enthalten waren und gab auch gleich die monatlichen Kosten an: Basic CHF 4.90; Excellence CHF 8.90; Premium CHF 16.90. Dann gab es noch verschiedene Businesslösungen, deren Preise zwischen CHF 99.95 und CHF 399.90 variierten. Wenn er also künftig etwas vorspülen wollte, müsste er ein Abo für CHF 4.90 im Monat abschliessen. Wobei das Premium-Abo gleich Geschirrspülmittel, Salz und Glänzer nachbestellen würde. Er würde sich das noch überlegen und sein Geschirr heute ohne Vorspülen spülen lassen.
Sonntag
Peter Müller schnürte seine Laufschuhe von adidas und überlegte sich, welche Route er nehmen sollte. Er prüfte kurz den Wetterbericht am Kühlschrank und steckte sein Smartphone in die Hülle, die er an seinem Arm befestigen konnte. Er steckte seine Airpods in die Ohren und drückte auf der Smartphone-App auf das grüne Schloss, das die Haustür öffnete. Hätte er den Akku seines Smartphones überprüft, hätte er gesehen, dass dieser gerade noch 21% hatte. Die Tür schloss sich automatisch hinter ihm und das Display neben der Haustür zeigte ein rotes Schloss. Er fand es praktisch, dass sich die Haustür von alleine abschloss, sobald sie zu war. Er sah seine Nachbarin in ihrer Handtasche nach ihrem Schlüssel kramen. Er fühlte sich überlegen und dachte sich, wenn sie auch ein Smarthome hätte, wäre sie jetzt schon längst im Haus. Er winkte ihr fröhlich zu und joggte los. Er würde die Strecke durch den Park nehmen, vorbei am grossen Teich und dann wieder zurück. Während er durch den Park joggte, bemerkte er nicht, wie sich der Akku seines Smartphones langsam entlud. Bei allen Apps, die er für sein Smarthome benötigte, war die Hintergrundaktualisierung eingeschaltet. Der Akku zeigte jetzt noch 3% an. Peter Müller bemerkte dies jedoch nicht und joggte munter weiter.
Als er wieder zuhause war, staunte er nicht schlecht, als das Display seines Smartphones schwarz blieb. Da er am Teich seine Airpods herausgenommen und sicher im Case verstaut hatte, bemerkte er nicht, dass sich der Akku vollständig entladen hatte. Peter Müller stand vor seinem neuen Haus, das er nicht betreten konnte, weil der Akku seines Smartphones leer war und er somit nicht auf die App zugreifen konnte, um sein Haus zu entsperren. Als er die Türklinke herunterdrückte, zeigte das Display neben der Tür, «Zutritt verweigert!». Er schaute sich das Display an. Irgendwo müsste es doch einen Hilfe-Button geben. Aber da war keiner. Er überlegte kurz, was er tun konnte, und schlich um sein Haus, in der Hoffnung, ein Fenster offengelassen zu haben. Natürlich nicht. Er ging zum Haus seiner Nachbarin und schilderte ihr seine Situation. Sie war sehr hilfsbereit und fragte Google-KI, was Peter Müller in seiner Situation machen konnte. Die gute Nachricht, er konnte mit dem Support chatten. Der Chatbot teilte ihm jedoch mit, man würde sich am Montag zu den Bürozeiten bei ihm melden. Super. Es gab eine Notfallnummer, die er mit dem Festnetztelefon seiner Nachbarin anrufen konnte. Die nette Dame am Telefon fragte nach seiner Kundennummer. Die kannte er nicht. «Sie finden die Nummer in der App, wenn Sie auf Mein Konto klicken.», teilte ihm die nette Dame freundlich mit. Nachdem er ihr dreimal erklärt hatte, dass er nicht auf die App zugreifen konnte, suchte sie dann etwas widerwillig mit seinem Namen und dem Geburtsdatum nach seinem Konto. «Aha! Wunderbar! Ich habe Sie gefunden, Herr Müller! – Jetzt benötige ich nur noch die Seriennummer Ihres ‘LockNoKey 5.0’-Systems.» «Wo finde ich die?», fragte er erleichtert. «Wenn Sie in der App auf Meine Geräte klicken, können Sie Ihr System anklicken und dann erscheinen alle Daten – auch die Seriennummer.» «Gute Frau... Ich habe Ihnen doch schon dreimal gesagt, dass ich keinen Zugriff auf die App habe!» «Hm... Um Ihnen helfen zu können, brauche ich aber die Seriennummer, sonst kann ich das System nicht für sie entsperren.», erklärte ihm die Dame am Telefon ein bisschen hilflos. «Hat das Display neben der Haustür denn keine Seriennummer?», wollte er wissen. «Aus Sicherheitsgründen haben die physischen Geräte keine Seriennummern. Dafür gibt es ja die App.» trällerte sie heiter. «Und was bitte soll ich jetzt machen?! Sie können mir also nicht helfen?!», hakte er ungeduldig nach. «Ich kann einen Techniker vorbeischicken.», antwortete sie ganz begeistert. «Ja, super! Sehr gerne. Die Adresse haben Sie ja.», sagte er hoffnungsvoll. «Lassen sie mich kurz nachschauen... passt es Ihnen am Dienstag so zwischen 09:00 Uhr und 16:00 Uhr?», fragte sie fröhlich. Peter Müllers Gesicht färbte sich tiefrot. Die Ader auf seiner Stirn begann zu pochen. «Gute Frau, wie stellen Sie sich das vor?! Soll ich bis Dienstag vor meinem Haus campieren?!». «Ich kann da leider nichts machen... Aha! Warten Sie!», rief sie ganz begeistert, «Wenn Sie unser Premium-Abo abschliessen, kann ich heute jemanden vorbeischicken. Das Premium-Abo beinhaltet priorisierte Reklamationsbearbeitung. Es kostet Sie nur CHF 119.95 im Monat! Dafür garantieren wir, dass wir Ihr Problem innerhalb vom 4 Stunden lösen.» Peter Müllers Nachbarin, die sich ein Glas Wein eingeschenkt hatte, betrachtete ganz interessiert die Farbe des Rotweins und die Farbe von Peter Müllers Gesicht. Sie schenkte nach und gönnte sich einen grossen Schluck. Peter Müller schnaubte. «Ja gut! Dann halt! Schicken Sie jetzt einfach jemanden vorbei! JETZT!». «Dann möchten Sie das Premium-Abo für CHF 119.90 im Monat abschliessen?». «JA!». «Wunderbar, Herr Müller. Ich gratuliere zu diesem Entscheid! Das Abo und der damit verbundene Service sind morgen um 08:00 Uhr aufgeschaltet. – Darf ich sonst noch etwas für Sie tun?». «Moment... heisst das, dass erst morgen jemand kommen wird?!» «Ganz genau, Herr Müller. Wenn Sie aber eine einmalige Gebühr für die Expressaufschaltung bezahlen, kann ich das Abo auch per sofort aufschalten und ein Techniker wird innerhalb der nächsten vier Stunden Ihr Problem lösen. – Möchten Sie das Abo per Expressaufschaltung für nur einmalig CHF 69.95 abschliessen, Herr Müller?» Die Begeisterung in der Stimme der Dame am Telefon trieb Peter Müller in den Wahnsinn. Er schäumte vor Wut und die Fröhlichkeit der Mitarbeiterin, die ihn abzockte, trieb ihn zur Weissglut! Zähneknirschend bestätigte er die Expressaufschaltung. Er brauchte alles an Selbstbeherrschung, um nicht ausfallend zu werden. «Wunderbar, Herr Müller. Ich fasse zusammen: Sie wünschen das Premium-Abo für CHF 119.90 im Monat und die Expressaufschaltung für einmalig CHF 69.95. – Da Sie dies an einem Sonntag machen, kommt noch eine Wochenend-Bearbeitungsgebühr von einmalig CHF 89.90 hinzu. Bitte bestätigen Sie mir, das dies Ihren Wünschen entspricht.» «JA!», schnaubte Peter Müller verächtlich und ausser sich vor Wut. «Wunderbar, Herr Müller! Ein Techniker wird sich bald auf den Weg zu Ihnen machen. – Im Namen der Firma Smartlock Ltd. bedanke ich mich für Ihr Vertrauen in uns und wünsche Ihnen ganz viel Freude mit ihrem ‘LockNoKey 5.0’-System. Ich wünsche noch einen schönen Sonntag.», trällerte die Dame immer noch fröhlich und begeistert. «Danke.», stiess Peter Müller zähneknirschend hervor und legte auf.
2 Stunden später...
Ein Elektroauto mit Aufschrift Smartlock Ltd. bog in seine Einfahrt. Ein junger Mann stieg aus und winkte Peter Müller zu «Hallo, Herr Müller! Ich bin Reto, ihr Techniker der Firma Smartlock Ltd. – dann wollen wir uns mal Ihr Schliesssystem anschauen.
15 Minuten später...
Die Haustür öffnete sich und Peter Müller konnte sein Smarthome wieder betreten. Techniker Reto hatte jedoch noch einen Tipp für ihn: «Darf ich Ihnen einen Rat geben, Herr Müller? Wenn Sie ein Upgrade auf das System 5.5 bestellen würden, könnten Sie sich auch mit einem Code über ein Touchscreen-System einloggen und das Haus so öffnen – ohne Smartphone. Das Upgrade kostet nur CHF 59.95 und ist –» Techniker Reto konnte seinen Satz nicht beenden. Peter Müller hatte vor Wut die Tür hinter sich zugeschlagen.
© Ari Muntwyler
Quellen
Der Text stammt vollständig aus meiner Feder. Die Idee dazu kam mir, während ich ein YouTube-Video (tiffanyferg) über vermeintlich "smarte" Tech-Inovationen geschaut und hinterher etwas recherchiert habe.
Kistler, K. (2026, 27. Juli). Smart Locks for Apartments: Best Options for Your Property. ButterflyMX - Video Intercoms & Access Control Systems. https://butterflymx.com/blog/best-smart-locks-apartment-buildings/
Laaksonen, R. (2025, 23. Juli). Why you should choose a smart lock with the best app experience. iLOQ. https://www.iloq.com/en-us/insights/why-you-should-choose-a-smart-lock-with-the-best-app-experience/
Multi-family living: How smart access is changing the resident experience. (2025, 1. September). Salto. https://saltosystems.com/en/blog/multi-family-living-how-smart-access-changing-resident-experience/
tiffanyferg. (2026, 30. Juni). „smart“ tech & the nightmare of owning nothing | Internet Analysis [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=talMUafkDmE
© Ari Muntwyler, 2026. Dieses Material darf von Lehrpersonen für den eigenen Unterricht verwendet und vervielfältigt werden. Eine kommerzielle Nutzung sowie die Veröffentlichung auf anderen Plattformen sind ohne Zustimmung des Urhebers nicht gestattet. Die verwendeten Bilder wurden vom Autor mithilfe von Canva Magic Media erstellt.

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