top of page

Rückblick auf ein Semester als KLP X Studi

  • Autorenbild: daszimmer10
    daszimmer10
  • 3. Jan. 2023
  • 8 Min. Lesezeit

Einleitung

Das Schlagwort 2023 im Bildungswesen ist "Lehrermangel". Dieses Schlagwort begleitet mich jedoch bereits seit ich in der Oberstufe war. Aber das Thema Import-Lehrer aus Deutschland ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden... 

Dem Lehrermangel ist es zu verdanken, dass Studierende, die mit der Lehrerausbildung noch nicht fertig sind, oftmals bereits als Klassenlehrperson tätig sind - so auch ich. 

Als Fachlehrperson für Deutsch, WAH und BG hatte ich an meiner Schule begonnen und durfte dann im Sommer 2022 meine erste eigene Klasse übernehmen. Mein Schulleiter äusserte seine Bedenken zu meinem 90%-Pensum und der Vereinbarkeit mit dem Studium, willigte dennoch ein. ^_^

Nun, ein halbes Jahr später ist ein Rückblick angebracht.


Sind wir ehrlich, bei jeder Herausforderung, deren Ende nicht absehbar ist, ist Ivan Dragon niemals falsch - insbesondere dann nicht, wenn man sich alles selbst eingebrockt hat: "Wenn er dodd ist, ist er dodd." (Für alle Banausen unter Euch, die keine Ahnung von all den Filklassikern haben: ROCKY IV)


Interview

Wie geht es Dir im Moment?

Wunderbärli! Seit den Sommerferien habe ich erstmals Ferien und habe gestern fast den ganzen Tag in Hyrule, Goronia, Zoras Reich und Kakariko verbracht. ^_^

 

Also kannst Du die vollen zwei Wochen geniessen ohne an die Schule oder an die PH zu denken?

lol! Ich habe meine Seele der Arbeit verschrieben! Heute Nachmittag habe ich Prüfungseinsicht, sprich. ein Zoom-Meeting mit der Dozentin der Ernährungswissenschaften. Ich möchte wissen, wie meine Prüfung bewertet wurde, da mich die Note schon recht unerwartet getroffen hat. Danach habe ich rund 2,5 Stunden Pause, worauf eine weitere Zoom-Sitzung folgt. In der Pause werde ich mit diversen Arbeitsdossiers beginnen. Heute Vormittag habe ich bereits mein Herbstsemester an der PH geplant und mich über die im Sommer anstehenden Abschlussprüfungen- und arbeiten informiert. 

 

Du bist also Klassenlehrperson und Student. Wie bringst Du das alles unter einen Hut?

Sind wir ehrlich, der Menschen zeitliche Ressourcen sind begrenzt, weshalb man nicht allem gleichermassen gerecht werden kann. Meine Schäfchen, also meine Klasse, stehen bei mir an erster Stelle, dann meine Verpflichtungen an der Schule, dann kommt das Studium, dann die Fachschaft und dann kommt das Privatleben. In diesem Semester hat ganz klar das Studium weit weniger Gewicht bekommen als in früheren Semestern. Dies hängt auch mit den Strukturen der PH FHNW zusammen, die mich einfach nerven, da sie nicht vereinbar mit dem Beruf und dem Lehrermangel sind. 

 

Du scheinst sichtlich genervt zu sein. Was ist das Problem?

Um diese Frage adäquat beantworten zu können, müsste ich ein Fortsetzungswerk schreiben. lol. 

Das Studium an der PH war während der Coroni-Semester, die per Distanz geführt wurden, viel friedlicher und entspannter. Insbesondere einige RZG-Dozenten hatten gleich zu Semesterbeginn sämtliche Unterlagen sowie Termine auf Moodle freigeschaltet, sodass man im eigenen Tempo arbeiten konnte. Ich konnte bspw. sagen, am Sonntag arbeite ich 5 Stunden lang an RZG, am Montag investiere ich 4 Stunden in Deutsch. Nun, da der Lehrermangel immer grösser wird, hat die PH FHNW die Präsenzpflicht wieder eingeführt. Wir sind gezwungen, an den Campus zu fahren, um dort Zeit abzusitzen. Wieso? Einfach damit wir die Zeit abgesessen haben. Ich lerne jedoch nachhaltiger, wenn ich mir den Stoff selber erarbeiten kann - und ihn nicht während 90min von einem Dozierenden vorgelesen bekomme. 

 

Sagte nicht der Hochschulleiter gegenüber der Medien, heutzutage müssten Dozierende triftige Gründen haben, um 25 (oder mehr) Studierende an den Campus zu zitieren?

Davon merkte ich in diesem Semester nicht viel. Beispielsweise mussten wir uns alle in der Aula versammeln, wo uns seitens Dozentin Termine und Struktur des Seminar vorgelesen wurden. Diese Informationen waren jedoch zuvor bereits auf Moodle aufgeschaltet worden. Die Dozentin hatte sich dann 3x wiederholt - wohl um die Zeit zu füllen. 

In einem anderen Seminar lud der Dozent seine PDF-Dokumente auf Moodle. Wir hätten sie also selbstständig lesen können, wurden jedoch an den Campus zitiert, um ihm beim Vorlesen ebendieser Dokumente zu lauschen. Hin und wieder stelle er eine Frage, die wir dann beantworten sollten. 

Von anderen Studierenden habe ich auch solche Geschichten gehört. Oder dann wurden Seminare kurzfristig abgesagt, weil der Dozent in die Ferien ging. Dozierende scheinen Narrenfreiheit zu geniessen, während wir Studierende strenge Auflagen haben. Wir dürfen 20% fehlen, heisst, wenn die Veranstaltung 100% in Präsenz ist, darf man zweimal fehlen. Um mehr als 20% zu fehlen, bedarf es triftiger Gründe, welche recht schwammig im Reglement zu lesen stehen: familiäre Verpflichtungen (was auch immer das heisst), Militärpflicht, Krankheit (Arztzeugnis erforderlich) oder Zivildienst.

 

Wie ist es denn, wenn Du wegen schulischer Verpflichtungen an der PH fehlen müsstest?

Wenn ich aber aufgrund meiner Lehrtätigkeit mehr als 2x fehlen muss, führt dies zum Nichterfüllen des Seminars und ich muss es im Folgejahr nochmals machen. So musste ich mich bspw. von einem Deutschseminar abmelden, weil ich 3x gefehlt hätte, ich aber nur 1x hätte fehlen dürfen, weil nicht alle Termine in Präsenz angesetzt waren. 

Ich hätte in einem Seminar gefehlt, in dem ich schlecht gescannte Texte hätte lesen und besprechen müssen. Die Präsenz diente dem Besprechen der gelesenen Texte... 

Die Reaktion der Studiengangsleitung war eine copy-paste-Antwort, in der sie darauf verwiese, die PH ein Pensum von 40 bis maximal 60% empfehle. Hielten sich alle Studierenden an diese Regelung sähe es in den Klassenzimmern noch prekärer aus...

 

Du scheinst darüber nicht sehr erfreut zu sein...

Kann dies denn wirklich Sinn eines Studiums sein, dass ich zuhause schlecht gescannte Texte lesen muss, mir dabei die Augen ruiniere und dann an den Campus zitiert werde, um das Gelesene zu besprechen? Dies ein Semester lang? Nein, ich sehe den Sinn darin nicht. Ich sehe auch nicht ein, dass ich mich von diesem Seminar habe abmelden müssen, weil ich mehr als 2x gefehlt hätte. Ich bin ein erwachsener Mensch und sollte selber über mein Lernen entscheiden dürfen. 

 

Gutes Schlusswort in Sachen Präsenzregelung an der PH. Wie hast Du dieses Semester erlebt?

Ich gehöre zu den Menschen, die jedes Semester, das per Distanz geführt wurde, ausgekostet hat, um im eigenen Tempo lernen zu können - ohne die lästige Fahrt zum Campus. Folglich war ich erst nicht so erfreut, dass ich wöchentlich 2x habe am Campus erscheinen müssen. Ich kenne das Studium eigentlich nur von zuhause aus. Im FS20, als ich begonnen habe, war ich wohl so 3 Wochen in Präsenz und dann kam der Lockdown. Als ich im Herbstsemester 22 an der PH sass, wo mir ein Dozent sein PDF vorgelesen hat, kam ich nicht umhin mich zu fragen, ob ich noch studieren würde, hätte es den Lockdown nicht gegeben... Ich stehe kurz vor dem Master und werde für mein Lehrdiplom kämpfen. Zuviel Zeit habe ich bereits ins Studium investiert. 

Das Semester war mit ÖV-Kosten für die Fahrten zum Campus und retour verbunden. Jedoch habe ich am Campus ein paar bekannte Gesichter getroffen und ein paar Studis erstmals in echt gesehen. Der Austausch war meist lustig oder von Frust getränkt. Die PH sagt immer, das Studium an der PH lebe vom Austausch zwischen den Studierenden. Mhm... Vom Austausch von Frust und Fragezeichen... na ja... 

 

Hattest Du viel Stress?

Im August nicht. Der September war auch friedlich. An den Oktober und November erinnere ich mich kaum. Wo sind diese Monate nur hin? 

Im Dezember musste ich Leistungsnachweise abgeben, war aber noch nicht sehr gestresst. Der richtige Stress kam in den drei Wochen nach Weihnachten! 

Ich war in der letzten Schulwoche im Dezember krank. Lag dann knapp 2 Wochen mit Fieber zuhause. Als Lehrperson kann man sich kranksein nicht leisten, weil einfach alles liegen bleibt. Da ich während der Weihnachtsferien krank war, habe ich eine Woche verloren, in der ich für die Abschlussprüfungen lernen wollte. Ich hatte 3 Prüfungen und 1 schriftliche Arbeit anstehen. In der Schule musste ich neuplanen, da ich im Dezember das Thema Vorträge hatte abschliessen wollen, es aber dann mit in den Januar nehmen musste. Die ganze Planung wurde auf den Kopf gestellt. Dann war noch die Notenabgabe und ich hatte noch einen Stapel Lesejournale zu korrigieren sowie Arbeitsdossiers. Dazu kamen noch 2 Tests, die ich auch noch in die zweite Schulwoche quetschen musste. Sowas mag ich gar nicht. 

Am Mittwochnachmittag musste ich 2x an den Campus ins Fachreflexionsseminar, hatte also keine Zeit, um da Korrekturarbeiten zu erledigen. Daher verbrachte ich der zweiten Woche den ganzen Donnerstag, an dem ich nie in der Schule bin, weil für die PH reserviert, in der Schule und habe Hefte korrigiert. In der 3. Schulwoche musste ich am Mittwoch wieder an den Campus. Am Donnerstag war ich dann wieder in der Schule, um die Zeugnisse meiner Schäfchen zu drucken und einzutüten. Am Freitag in der zweiten Woche kam noch mein PraxisCoach zum Unterrichtsbesuch. Am selben Tag kam auch der Professurleiter RZG der PH zum Unterrichtsbesuch. Dem musste ich vorab noch eine PH-konforme Unterrichtsplanung abgeben, die ich erst noch schreiben musste. DAS war für mich der grösste Stress, da ich NIE solche Planungen schreibe - wer hat im Alltag bitte Zeit für sowas? 

Wenn ich das so niederschreibe, klingt es nach wenig Arbeit, aber ich war richtig heftig im Scheiss und wusste in der 1. Januarwoche nicht, wie ich das alles sollte stemmen können. Doch, einmal mehr habe ich das Unmögliche möglich gemacht. Dafür herrschten bei mir zuhause fast Messi-Zustände. Es ist erstaunlich, dass RTL nie vor der Tür gestanden hat... Ich schlief während der 3 Wochen im Wohnzimmer auf dem Sofa, weil ich nicht dazu gekommen war, meine frisch gewaschene Wäsche, die auf dem Bett ausgebreitet lag, wegzuräumen. Mein Fitnessbreich war unbenutzbar, weil sich dort leere Kartonkisten von Bestellungen türmten. 2 Pflanzen sind in der Zeit auch gestorben - wegen zu wenig Pflege. 

Zwei ehemalige Schülerinnen entfernten in der letzten Woche die Weihnachtsgirlanden, weil sie Zeit totschlagen mussten, das fand ich sehr nett von ihnen. <3 Am Freitag vor den Ferien habe ich es dann geschafft, den Weihnachtsbaum ab- und wegzuräumen... 

 

Du wirkst aber tiefenentspannt und gar nicht gestresst.

Der Stress ist vorbei. Letzten Donnerstagnachmittag kam ich dazu, meine Klamotten wegzuräumen und konnte endlich wieder in meinem Bett schlafen. Am Samstag habe ich die Wohnung aufgeräumt und eine Grundreinigung durchgeführt. Danach war ich dann mit Gamen beschäftigt. 

 

Du weisst nun wie stressig Dein Pensum zusammen mit dem Studium sein kann. Reduzierst Du im neuen Schuljahr etwas?

Nein. Bislang hatte ich in jedem Semester an der PH (das erste ausgenommen) zu viele Seminare belegt. Dann kam noch das Basispraktikum dazu und ich meinte, unterzugehen. In jedem Semester habe ich bewiesen, dass es möglich ist. Auch jetzt wieder. Ich liebe meinen Beruf. Wenn ich könnte, würde ich alle Fächer in meiner Klasse unterrichten, weil ich eine wunderbare Klasse habe und das Unterrichten riesigen Spass macht - auch wenn es manchmal frustrierend sein kann -_^. An der PH habe ich im Frühlingssemester ein einziges Seminar und 5 Abschlussprüfungen. Das werde ich auch noch irgendwie schaffen. Im Herbst will ich dann mit dem Master anfangen. Reduzieren kommt also weder an der PH noch an der Schule infrage. 

 

Du bist also im Lehrberuf am richtigen Ort, stimmt das?

Nie habe ich gewusst, wo es mich beruflich hinverschlagen würde. Zu gross waren meine Interessen, zu gering der Aufwand, den ich bereit war zu betreiben - für eine Laune. Ich war in diversen Branchen schnuppern und habe dann Buchhändlerin gelernt - einfach damit ich eine Ausbildung hatte. Dann war ich in der Gastronomie, im Service, in der Küche, im Büro und an der Rezeption, war als Anwaltsassistent tätig, habe als Pferdepflegerin gearbeitet als ich Arbeitslos war, habe Webseiten erstellt, war dann wieder im Buchhandel und endete schliesslich in den Finanzen. Wozu? Was war die Sinnhaftigkeit dieser Tätigkeiten? Sich anbrüllen zu lassen, weil ein Buch nicht vorrätig war. Einem Menschen mitzuteilen, er könne nicht per Rechnung bezahlen aufgrund negativer Bonitätsprüfung. Wein zu dekantieren. Gestressten Businessmenschen den Beamer zu erklären... Nichts ergab Sinn. Nichts war erfüllend. Dann wollte ich in die Flugunfallermittlung und habe die technische BM begonnen. Wie viele Flugunfälle untersucht man in der Schweiz? Genau... Also wieder eine Sackgasse. Schliesslich begann ich damit, Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten und fand zum ersten Mal im Leben Sinn, in dem, was ich tat. Das war auch Auslöser für mich, an die PH zu gehen. 

Für mich ist Lehrer ein richtig schöner Beruf. Es gibt viel zu lachen, Tränen zu trocknen, Gespräche zu führen, Augen zu öffnen und die Schüler auf das Leben nach der Schule vorzubereiten. Lehrer ist einer der wohl sinnhaftigsten und erfüllendsten Berufe, die es gibt. 




Kommentare


To be free

one must give up

a little part of oneself.

– Hedwigs Mom

  • Instagram
  • Youtube

AGB

Cookies

Datenschutz

Impressum

© 2024 Das Zimmer 10.  Website erstellt mit Wix

Непрощенный
Непрощенный
Непрощенный
Непрощенный
Непрощенный
Непрощенный

bottom of page